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Unser
Kind ist ein kleiner Tyrann
– wie gehen wir damit um?
Aus
dem Erziehungsratgeber
"Erzieherinnen beantworten Elternfragen"
Lassen
Sie nicht zu, dass Ihr Kind Sie oder andere „tyrannisiert“. Doch bedenken
Sie auch: Kinder nehmen heutzutage die Befehle der Erwachsenen nicht mehr
bedingungslos hin – das ist schon bei den Kleinen so. Setzen Sie nicht darauf,
dass Sie stärker sind und alle Machtmittel in der Hand haben. Den Machtkampf
verlieren Sie; er nagt an Ihren Nerven, und das scheinbar so schwache Kind
findet Wege, seinen Willen durchzusetzen. Unterliegt es dennoch, so wird es
„Rache“ üben – und sei es nur dadurch, dass es z. B. einnässt oder nicht
isst. Als letztes Mittel bleibt dem Kind dann noch, dass es überall versagt –
von der Kindergruppe bis zur Schule. Machtkämpfe sind in der Erziehung so zerstörerisch
wie in jedem anderen Lebensbereich auch:
„Was ist los, dass wir uns gegenseitig das Leben so schwer machen? Warum
wollen wir mit Macht den anderen dahin bringen, wo wir ihn haben wollen?“
Erwarten
Sie nicht, dass Ihr Kind den Kampf beendet. Sie sind erwachsen, man darf von
Ihnen erwarten, dass Sie einen neuen Anfang ermöglichen. Bedenken Sie dabei: Es
gibt in der modernen Welt glücklicherweise keine gesunde menschliche Beziehung
mehr, in der akzeptiert wird, dass der eine befiehlt und der andere gehorcht.
Zwar hatte die „alte Ordnung“, dass der Vater der Herr in der Familie ist,
auch einen Vorteil: Da war ein Rahmen, der klare Vorgaben für das Verhalten
lieferte; in diesem Rahmen konnte man sich sicher bewegen, denn es gab klare
Regeln. Heutzutage geht es nun darum, einen neuen Rahmen und entsprechende
Regeln zu finden – ohne geht es nicht:
„Lass uns doch zusammen überlegen, wie wir miteinander auskommen,
ohne, dass wir immer gegeneinander kämpfen!“
Auch
Ihr Zusammenleben braucht einen Rahmen und Regeln. Der neue Rahmen kann sein:
Nur Argumente zählen. Schimpfen, Schreien, Toben und Gewalt sind keine
Argumente. „Herr im Haus“ ist das „bessere Argument“ – nach ihm haben
sich alle Familienmitglieder gleichermaßen zu richten:
„Komm mal in meine Arme. Ich habe einen Vorschlag: Wenn einer von uns etwas
vom anderen will, begründet er seinen Wunsch; der andere hört dann gut zu und
versucht den Wunsch zu verstehen.“
Erwarten
Sie von Ihrem Kind, dass es seine Anliegen begründet. Solange es tobt und
schreit, verweigern Sie sich als Gesprächspartner; wenden Sie sich ab:
„Solange du so tobst, werde ich dir nicht zuhören; ich bin gerne bereit, über
die Sache in Ruhe zu reden; sobald du auch bereit dazu bist, sag Bescheid.“
Aus
dem Erziehungsratgeber
"Erzieherinnen beantworten Elternfragen"
Wenn
Ihr Kind einlenkt, so seien Sie auf keinen Fall zynisch. Zeigen Sie nicht, dass
Sie nun meinen, „gewonnen“ zu haben. Das ist daneben und damit machen Sie
wieder alles kaputt: „Siehst du, es geht doch!“; „Warum nicht gleich
so?“; „Ich wusste doch, dass du wieder kommst!“ Seien Sie konsequent, aber
immer wieder freundschaftlich. Versuchen Sie nun das Anliegen des Kindes zu
verstehen. Es geht darum, dass es sich verstanden fühlt. Helfen Sie ihm, sich
verständlich zu machen – es ist doch noch ungeübt im Argumentieren. Fragen
Sie nach, wenn Sie seine Begründungen nicht verstehen; suchen Sie mit dem Kind
nach möglichen Formulierungen, die deutlich machen, was es meint. Seien Sie
also zunächst sein „Anwalt“, und setzen Sie erst dann Ihre Meinung dagegen:
„Das macht mich sehr froh, dass wir nun darüber reden können. Ich möchte
doch, dass du zu deinem Recht kommst! Verstehe ich das richtig: Du möchtest
erst später, vor dem Schlafengehen, die Sachen wegräumen und jetzt sofort auf
den Spielplatz gehen? Du meinst, wenn du erst später rausgehst, sind die
anderen weg.“
Verzichten
Sie nicht auf Ihre Forderungen; begründen Sie diese aber, und vergewissern Sie
sich, ob das Kind Sie richtig verstanden hat. Seien Sie dabei nicht ablehnend,
sondern helfend. Bedenken Sie in jeder Phase der Auseinandersetzung: Sie sind
Partner, nicht Gegner, und Sie sind gemeinsam auf der Suche nach den sinnvollen
Regeln:
„Das verstehe ich. Doch mein Problem ist, dass ich bisher festgestellt habe,
dass du zum Aufräumen viel zu müde bist, wenn du vom Spielen reinkommst. Und
dann stehe ich wieder mit der ganzen Arbeit da; das möchte ich nicht. Können
wir uns irgendwie einigen?“
Scheuen
Sie nicht, sich vom Kind überzeugen zu lassen, wenn Sie merken, dass seine
Argumente stimmig oder Ihre zu schwach sind – auch das kommt sicherlich mal
vor. Umso mehr wird Ihr Kind einsehen, dass es auch selbst oft im Unrecht ist:
„Ja,
das stimmt, in letzter Zeit sage ich immer ganz schnell „nein!“. Ich denke,
das liegt daran, weil so vieles bei uns schief läuft und ich den Eindruck habe,
dass ich es immer ausbaden muss. Diesmal hattest du wirklich Recht; ich hatte
dir gestern versprochen, dass du heute den Film sehen darfst. Also darfst du es
auch – ich halte doch meine Versprechen.“
Innerhalb
dieses Rahmens („Argumente zählen, keine Erpressung, nicht Stärke, Macht
oder Gewalt) können gemeinsam Regeln für das Miteinander aufgestellt werden.
Legen Sie Rechte und Pflichten der Familienmitglieder fest. Machen Sie deutlich,
dass die Rechte anderer Familienmitglieder zu achten sind:
„Wir kommen nur weiter, wenn wir es genau regeln und uns dann an die
Abmachungen halten. Ich bin sicher, dann werden wir alle viel zufriedener
sein.“
Aus
dem Erziehungsratgeber
"Erzieherinnen beantworten Elternfragen"
Lassen
Sie das Kind spüren, dass es in diesem Rahmen durchaus zu seinen Rechten kommt;
denn es muss Erfolgserlebnisse haben. Erfolgserlebnisse bestärken sein neues
Verhalten effektiv:
„Ja, es stimmt, in unserer Familie haben auch die Schwächeren und die Kleinen
ihre Rechte, auf die sie dann auch bestehen können.“
Regelverstöße
lassen Sie nicht zu. Dies brauchen Sie nun nicht mehr lange zu begründen, das
ist ja schon grundsätzlich geschehen. Ihr Kind weiß noch gut, was Sie
vereinbart haben. Lassen Sie sich durch ungehöriges Verhalten nicht in
Diskussionen verstricken; Ihr Kind macht sonst einen Sport daraus. Hier genügen
kurze deutliche Reaktionen, nach denen Sie sich dann konsequent abwenden:
„So nicht! / Du weißt, was wir abgemacht haben! / Schreien ist kein
Argument!“
Sicherlich
ist es nervig, dass man immer wieder neu anfangen muss, miteinander friedlich
umzugehen. Doch überall, wo Menschen miteinander glücklich werden wollen, müssen
erst mühsam und geduldig die Grundlagen gelegt werden. Seien Sie nun, trotz des
Rückfalls, nicht längere Zeit böse; gleich, wenn das Kind angemessene
Reaktionen zeigt, wenden Sie sich ihm wieder zu (natürlich ohne
„Moralpredigten zu halten“). Versuchen Sie erneut, durch Austausch von
Argumenten miteinander umzugehen:
„Es ist wieder schief gegangen; aber wir versuchen es noch einmal.“
Die
verständnisvolle Atmosphäre können Sie zudem fördern, indem Sie dem Kind
Entscheidungsspielräume lassen:
„Möchtest
du die gelbe oder die blaue Hose anziehen? / Du müsstest bald mal wieder die
Haare schneiden – sollen wir das heute oder erst morgen machen? / Möchtest du
jetzt schon die Zähne putzen oder soll ich erst die Geschichte vorlesen? / Wir
haben noch das Gemüse im Kühlschrank, es muss bald weg – was meinst du,
sollen wir es heute oder morgen essen?“
Beziehen
Sie Ihr Kind – wann immer es möglich ist – in Entscheidungen mit ein.
Bringen Sie Ihre Wünsche ein und sorgen Sie dafür, dass auch andere
Familienmitglieder zu ihrem Recht kommen. Wechseln Sie sich doch z. B. darin ab,
wer sein Lieblingsessen für den Mittagstisch vorschlagen darf, wer den Tisch
deckt, den Müll rausbringt.
Dies ist ein Ausschnitt aus dem
Erziehungsratgeber "Kleiner Schatz, ich sag dir was".
Mehr dazu hier: "Kleiner Schatz"
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